Side by Side - integrierendes Design
Sabine und die Caritas Wendelstein Werkstätten
Wie kann man behinderte Menschen in die Arbeitswelt integrieren und zugleich qualitativ hochwertige Produkte herstellen? Designerin Sabine Meyer und die Caritas Wendelstein Werkstätten haben darauf eine Antwort gefunden: Side by Side heißt das Projekt, das die Ideen professioneller Designer mit der sorgfältigen Handarbeit behinderter Menschen verbindet.
Sabine Meyer kreiert schöne Dinge. Das allein war der Designerin aber nicht genug, und so rief sie 2001 das Projekt Side by Side ins Leben – eine eigenwillige Allianz aus der Grafikagentur fpm, einer Arbeitsgruppe von 15 freien Designern und den Caritas Wendelstein Werkstätten im oberbayerischen Raubling. Das Grundkonzept ist so einfach wie genial: Die Designer liefern die Ideen, die Menschen in den Behinderten-Werkstätten setzen diese handwerklich um. Seite an Seite eben.
Das Projekt Side by Side
Im Gespräch mit People for Future erzählt die Projektleiterin, wie sie zu der Idee für Side by Side kam: „Ich bin selbst Designerin, und mir war es einfach wichtig, jetzt bei diesem Projekt etwas zu tun, wo es nicht nur ums Geld geht.“ Was als frommer Wunsch begann, entwickelte sich rasch zu einer Erfolgsgeschichte: 2002 kam die erste Kollektion auf den Markt – und stieß auf reges Interesse.
Seitdem hat sich die Produktpalette verdoppelt. Über dreißig freie Designer tüfteln mittlerweile an innovativen Artikeln, die in Raubling und neun weiteren Behinderten-Werkstätten der Umgebung angefertigt werden. Nein, Side by Side muss sich beileibe nicht verstecken: Die Marke ist auf zahlreichen Messen wie der Ambiente in Frankfurt vertreten und wird für seine Produkte immer wieder mit renommierten Designpreisen ausgezeichnet.
Wir folgen Sabine Meyer in einen lichten Ausstellungsraum. Die Regale dort sind voll von Artikeln, die im Laufe des Projekts entstanden sind. Es sind Gebrauchsgegenstände, funktional und zugleich optisch ansprechend: Einzelne Stücke wie der Wäscheständer „Mama“ aus massiver Esche waren von Anfang an dabei und haben sich längst zu Klassikern entwickelt. Die Produkte bestechen nicht nur durch Eleganz und Qualität, sondern obendrein durch eine gute Portion Witz und Originalität. Dinge zum Verlieben. Zeitlos schön. Sie alle verkörpern die Philosophie von Side by Side, langlebige Klassiker anstatt austauschbarer Trendartikel zu schaffen. Dieser Anspruch hat seinen Preis – allerdings auch einen hohen sozialen Mehrwert.
Sinnvolle Arbeit anstatt bloßer Betreuung
Der Mehrwert ergibt sich aus einem aktiven Betreuungsansatz, der neben der Arbeit mit Behinderten auf die Arbeit von Behinderten baut. Für Sabine Meyer ist es wesentlich im Umgang mit körperlich und geistig behinderten Menschen, diese produktiv tätig werden zu lassen: „Weil Arbeit an sich in unserer Gesellschaft so einen hohen Stellenwert hat, und einfach auch wichtig ist für das Selbstbewusstsein, bei behinderten und bei nichtbehinderten Menschen – und deswegen ein deutlicher Unterschied darin besteht, ob man jetzt den ganzen Tag nur Karten spielt oder irgendwie betreut wird, oder ob man eben tatsächlich auch eine sinnvolle Arbeit verrichtet.“
Mit den Caritas Werkstätten fand sie den idealen Partner für ihre Idee: Diese kirchlichen Einrichtungen geben behinderten Menschen die Möglichkeit zu einer Ausbildung – und jenen, die den Weg in die freie Wirtschaft nicht finden, einen sicheren Arbeitsplatz mit sozialem Umfeld. Das bedeutet einerseits Arbeitslohn und Krankenversicherung. Vor allem aber Integration, Betreuung und Förderung. Allein am Standort Raubling arbeiten 120 behinderte Mitarbeiter, zwei Drittel davon in der Schreinerei. Doch obwohl die Werkstätten sich in einiger Hinsicht von einem regulären Betrieb unterscheiden, muss auch hier aufs Geld geachtet werden.
Behindertenarbeit und Markt Hand in Hand
„Wir müssen natürlich schon Umsatz machen, um unsere ganzen Kosten zu finanzieren, aber bei uns gibt es einfach auch andere Prioritäten.“ Dazu gehört neben Spaß und einer guten Arbeitsatmosphäre ein geringerer Leistungsdruck: Wer müde ist oder schlechte Laune hat, der legt sich eine Stunde aufs Ohr.
Nichtsdestotrotz finanziert das Projekt sich selbst. Zwar trägt die öffentliche Hand die Kosten für Betreuung und spezielle behindertengerechte Anschaffungen, Ausgaben und Löhne muss das Projekt allerdings selbst erwirtschaften. Keine einfache Aufgabe – doch die Projektleiterin sieht in der Koordination der verschiedenen Interessen eine persönliche Herausforderung.
Nachhaltigkeit durch heimische Hölzer und ungiftige Werkstoffe
Menschen dauerhaft wieder in einen produktiven Prozess einzubinden und ihnen eine Perspektive zu schenken – das ist soziale Nachhaltigkeit. Aber auch hinsichtlich der verwendeten Werkstoffe spielt Nachhaltigkeit für Side by Side eine große Rolle: So werden bei der Herstellung der Produkte keine tropischen, sondern ausschließlich heimische Hölzer verwendet und Gift- und Schadstoffe sind tabu. Die Oberflächen bleiben entweder unbehandelt oder werden mit naturverträglichen Ölen, Wachsen oder Lacken eingelassen.
Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit entwickelt sich in der Werkstatt aus der Nähe zum Material heraus, mit dem die Mitarbeiter in direkten Kontakt kommen, sei es, dass die eingesetzten Stoffe auf die Haut gelangen oder Ausdünstungen eingeatmet werden. Hier wird die Vorsicht walten gelassen, die alle Menschen für sich einfordern würden, wüssten sie immer genau über die Stoffe in den von ihnen konsumierten Produkten Bescheid.
Die mutige Designerin hat es geschafft, Ästhetik mit Ökologie und sozialer Verantwortung zu koppeln. Das Ergebnis kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen: Die handgefertigten Artikel von Side by Side haben nicht nur ein Gesicht – hinter jedem einzelnen Produkt stehen viele zufriedene Gesichter. Eine rundum schöne Sache.
Thomas Sedlmeyr
YouTube Link: http://www.youtube.com/watch?v=0xxJOTnsaFE
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