Das Ökodorf Sieben Linden
Julia Kommerell über nachhaltiges Leben in dörflicher Gemeinschaft
Das Ökodorf in Sachsen-Anhalt zeigt eindrucksvoll, dass geringerer Ressourcenverbrauch und mehr Gemeinschaft möglich sind. Sieben Linden verkörpert dabei weit mehr als ein Modell: Es ist ein lebendiger Ort der Begegnung und des intensiven Austausches.
Ob "Keimblatt" in Österreich, "The Village" in Irland oder "Inan Itah" in Nicaragua – überall auf der Welt sprießen seit den 90er Jahren Ökodörfer aus dem Boden. Ihr Ziel: Ein ökologisch nachhaltiges Leben in Gemeinschaft. Das bekannteste Projekt dieser Art hierzulande ist das in der Altmark gelegene Sieben Linden.
Es war ein Professor aus Heidelberg, der Ende der achtziger Jahre die Vision eines Ökodorfes hatte. Auf seine Anzeige hin meldeten sich einige Interessenten, man traf sich regelmäßig und kaufte schließlich ein Haus in Groß Chüden bei Salzwedel. Dieses wurde zum Projektzentrum ausgebaut, und von dort aus machte man sich auf die Suche nach einem geeigneten Standort.
Ein Bauernhof wird zum Ökodorf
25 Kilometer weiter wurde man fündig: Unweit des Dorfes Poppau, idyllisch am Waldrand gelegen, stand ein Bauernhof leer. Eine Siedlungsgenossenschaft wurde gegründet und im Juni 1997 fuhren die ersten Bauwägen vor. Die Pioniere sanierten den Hof ökologisch zum Gemeinschaftszentrum – der Grundstein für das Ökodorf Siebenlinden war gelegt.
Der Bauernhof ist heute noch Mittelpunkt des Geschehens: Er beherbergt Seminarräume, das Verwaltungsbüro, die Gemeinschaftsküche, einen Laden, eine Kneipe und die Lagerhaltung. Um ihn herum entstanden nach und nach Wohnhäuser. Acht Stück an der Zahl sind es schon; In ihnen lebt der größte Teil der 125 Bewohner. Julia Kommerell ist eine davon. Sie gehört zu den Veteranen im Ort – seit über zehn Jahren ist in Sieben Linden mittlerweile ihr Lebensmittelpunkt.
Ökologisch Bauen – Strohballenhäuser und Lehmputz
Julia wohnt in der Nachbarschaft Club 99 – einer von sieben Gemeinschaften, die mit jeweils eigenen Denkansätzen und Visionen für die Vielfalt im Ökodorf stehen. Die Menschen vom Club 99 wollen so leben, wie es gerechterweise allen Menschen auf der Welt zustehen würde. Das bedeutet eine starke Reduzierung des Ressourcenverbrauchs. Ihr Wohnhaus haben sie deshalb komplett ohne Maschinen gebaut. „Dadurch hat der Bau nur etwa 20.000 Euro gekostet. Und nur einen Sack Müll produziert.“ erzählt Julia. Möglich wurde das durch die tatkräftige Unterstützung von Freiwilligen aus dem Dorf – viele Hände, schnelles Ende.
Nicht alle gehen soweit, beim Errichten der Häuser auf Maschinen zu verzichten. Allerdings gilt in Sieben Linden eine ökologische Bauordnung: Mindestmaß ist Niedrigenergiestandard. "Ökologisches Bauen heißt erst einmal, dass man das Haus so gut dämmt, dass man möglichst wenig heizen muss." meint Julia. Durch Sonnenausrichtung und mehrfach verglaste Fenster fängt man zusätzlich Wärme ein und hält sie in der guten Stube. Auf einen geringen Energieverbrauch wird bereits bei den Baustoffen geachtet: Zum Einsatz kommen vor allem natürliche Materialien wie Holz, Lehm, Stroh und Hanf, während man auf Zement, Kalk und Beton möglichst verzichtet.
Eine Besonderheit im Ökodorf ist der Strohballenbau – Sieben Linden ist mittlerweile der Ort mit den meisten Strohballenhäusern in Europa. Ihr Wissen darüber, wie das Stroh als Dämmmaterial für Holzständerwerke verarbeitet und mit Lehm verputzt wird, gibt die Gemeinschaft in Seminaren weiter. Aus einem Abfallprodukt der Landwirtschaft wird somit ein hervorragendes Dämmmaterial. Und funktioniert das wirklich? Julia nickt. "Unsere Häuser sind richtig kuschelig warm."
Sieben Linden – Nachhaltigkeit in jedem Bereich
Warmwasser gewinnen die Sieben Lindener durch Sonnenkollektoren, der Stromverbrauch wird zu 85 Prozent durch Photovoltaik abgedeckt. Den restlichen Strom bezieht man von Greenpeace Energy. Ähnlich verhält es sich bei den Nahrungsmitteln – 70 Prozent stammen aus eigenem Bio-Anbau, der Rest wird im Biohandel zugekauft. Ein geschlossener Wasserkreislauf, Komposttoiletten, Heizen mit Holz und dergleichen mehr tragen zu einer guten Ökobilanz bei – alles in allem produziert ein Bewohner des Ökodorfes somit weniger als ein Drittel CO2 als der Bundesdurchschnitt. Im Übrigen ist Sieben Linden autofrei: Die gemeinschaftlich genutzten Fahrzeuge werden am Ortsrand geparkt. Und einen Traktor gibt es zwar, die meiste Garten- und Waldarbeit vollziehen jedoch echte Pferdestärken.
"Es wird viel eingespart durch das Leben in der Gemeinschaft." erklärt Julia. Ein Verein kümmert sich um die Einkäufe im Großhandel und deponiert Nahrungsmittel, Seife, Shampoo etc. neben den Gartenprodukten im Keller. Davon kann sich jeder frei bedienen und zahlt lediglich einen Tagessatz von 6,50 Euro – Kinder werden dabei mitgetragen. Durch diese Arbeitsteilung muss nicht jeder einzeln zum Einkaufen. So spart man neben Energie viel Zeit und Geld. Summa summarum kann man im Ökodorf mit zwischen 500 bis 1.000 Euro im Monat gut auskommen.
Leben in der Gemeinschaft
Das Ökodorf verfolgt jedoch einen ganzheitlichen Ansatz, und so geht es neben der Ökologie viel um Gemeinschaft. Die Kinder gehen in den dorfeigenen Kindergarten; Die meisten Erwachsenen arbeiten in Sieben Linden, in den Seminaren, in der Verwaltung oder den Handwerksbetrieben. Es gibt unter anderem eine Obstbaumschule, einen Wildkräuter-Versand, eine Holzwerkstatt und eine Praxis für kreative Lebensgestaltung. Arbeit, Freizeit und Gemeinschaft sind dadurch ganz eng verwoben. Julia lacht. "Das kann auch manchmal anstrengend sein – hat aber viel mehr Vorteile."
Eines steht fest: Langweilig wird es im Ökodorf nie. Dafür sorgen neben einer guten Portion hausgemachter Kultur das freitägliche Kino und ein wöchentlicher Diskoabend. Zahlreiche Vorträge werden gehalten, und Besucher aus aller Herren Länder bringen jede Menge Inspiration in die Dorfwelt. Das Interesse hat dabei in den letzten Jahren stark zugenommen: Nicht nur die Seminare sind immer voll ausgebucht, auch das Telefon im Infobüro läuft regelmäßig heiß. Die Sieben Lindener freut das – schließlich soll das Ökodorf in den nächsten Jahren auf 250-300 Einwohner wachsen.
Wer jetzt neugierig geworden ist – kennen lernen kann man das Ökodorf im Rahmen von Projektinformationswochenenden, im Sommercamp, auf dem Kulturfestival oder bei den Mitmachwochen. Einen ersten Einblick gewähren auch die Filme "Menschen, Träume, Taten" von Regisseur Andi Stiglmayr sowie „Leben unter Palmen“ von Michael Würfel.
Thomas Sedlmeyr
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