Verstehen : Wie gut fährt die Umwelt mit Biosprit?

Wie gut fährt die Umwelt mit Biosprit?

Nachhaltigkeit und Mobilität: Der neue Biokraftstoff E10

Erklärung

Unsere Meinung

Die ökologischen Vorteile von Biosprit sind zumindest fragwürdig. Nachhaltig ist er keineswegs – denn über kurz oder lang führt ein wachsender Bedarf an Agro-Treibstoffen zu Monokulturen, der Zerstörung von Naturflächen und Nahrungsmittelengpässen. Biosprit fördert die verhängnisvolle Illusion, wir könnten auf Dauer so weitermachen wie bisher. Doch die Anzahl der Ackerflächen reicht schlicht nicht aus, das über Jahrmillionen in gewaltigen Mengen entstandene Erdöl zu ersetzen. In der Übergangszeit bedarf es sparsamer Autos, Strategien wie Carsharing und einem konsequenten Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel. Das postfossile Zeitalter jedoch erfordert einen völlig neuen Blick auf Mobilität. Vielleicht werden Biokraftstoffe die Lok von morgen antreiben – für den Massenverkehr von heute sind sie keine Option.

30.05.2011 - Bis 2020 müssen die Mitgliedsstaaten einem EU-Beschluss zufolge 10 Prozent des Energieverbrauchs im Verkehr aus erneuerbaren Quellen decken. Deutschland hat diese Richtlinie mit der Einführung von E10 bereits teilweise umgesetzt. Andere Länder wie China und die USA haben sich sogar noch ambitioniertere Ziele gesteckt, und auf Schwedens Straßen fahren bereits jetzt viele Autos mit E85  – doch ist Biosprit wirklich im Sinne der Umwelt?

Biosprit - die Wahl der Zapfsäule wird zur Glaubensfrage

Die Einführung von E10 in Deutschland verläuft stockend – viele Autofahrer sind skeptisch gegenüber dem neuen Benzin, weil nicht alle Autos es vertragen. Vor allem bei älteren Fahrzeugen kann es Schäden an den Kraftstoffleitungen verursachen. In den meisten Fällen ist diese Sorge allerdings unberechtigt: Über 90 Prozent der Autos auf Deutschlands Straßen vertragen den Biosprit, und bei welchen Modellen es Probleme mit E10 gibt, lässt sich leicht in Erfahrung bringen. Schwieriger wird es bei der Frage, ob der Biokraftstoff auch wirklich ökologisch ist.

Diese Frage spaltet derzeit die Nation. Während der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie und das Bundesumweltministerium E10 propagieren, sind Organisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Greenpeace und der Verkehrsclub Deutschland (VCD) skeptisch gegenüber dem neuen Treibstoff. Dazwischen steht ein ratloser Verbraucher, für den die Wahl der Zapfsäule zur Glaubensfrage wird.

Was sind Biokraftstoffe?

Doch was ist E10 eigentlich? Das E steht für Ethanol, also Alkohol. Der steckt voller Energie und kann deshalb zum Antrieb von Verbrennungsmotoren genutzt werden. Das ist an sich nichts Neues: Bereits in den Anfangszeiten des Automobils wurde Spiritus für den Antrieb genutzt. Die Zahl hingegen beziffert den prozentualen Anteil: 10 bedeutet somit 10 Prozent – soviel Ethanol wird konventionellem Treibstoff aus Erdöl beigemischt. Das ist neu, denn bisher enthielt Benzin in Deutschland nur 5 Prozent Bioethanol.

Ethanol wird aus Pflanzen gewonnen – und kommt überwiegend in alkoholischen Getränken zum Einsatz. Wird er als Kraftstoff verwendet, zählt er zu den Biokraftstoffen. Diese werden aus Biomasse erzeugt und sind daher nachwachsende Rohstoffe. Im Wesentlichen fallen Biodiesel, Bioethanol und Biomethan darunter. Alle diese Stoffe sind stark umstritten, doch kommt es immer darauf an, aus was und wie sie hergestellt werden: Beispielsweise besitzt Biogas aus landwirtschaftlichen Abfällen eine positive Klimabilanz.

Die Vorteile von E10 – weniger Erdöl und mehr Klimaschutz

Die Befürworter von E10 schlagen in dieselbe Bresche: Die Unabhängigkeit von Importen des endlichen Rohstoffes Erdöl aus politisch oft instabilen Ländern ist das Eine. Das zentrale Argument für Biokraftstoffe jedoch ist, dass sie einen Beitrag zum Klimaschutz leisten können – immerhin geben Pflanzen beim Verbrennen nicht mehr CO2 ab, als sie zuvor aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Das ist zwar prinzipiell richtig. Klimaneutral sind Biodiesel und Bioethanol deswegen allerdings noch lange nicht: Denn bevor sie einen Motor antreiben können, müssen Pflanzen landwirtschaftlich angebaut und industriell zu Treibstoff verarbeitet werden. Beides erfordert große Mengen Energie – es ist also die Gesamtbilanz, die zählt.

Deshalb hat die Bundesregierung eine Biokraftstoff-Nachhaltigkeitsverordnung erlassen: Diese besagt, dass Biokraftstoffe nur dann als nachhaltig gelten, wenn sie mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase freisetzen als fossile Kraftstoffe. Zudem dürfen Energiepflanzen für die Herstellung von Biokraftstoffen nicht von Flächen mit einem hohen Kohlenstoffgehalt oder einer hohen Artenvielfalt stammen. (1)

Laut dem Bundesverband der deutschen Bioethanolwirtschaft (BDBe) kam etwa die Hälfte der 2010 in Deutschland verbrauchten 1,15 Millionen Tonnen Bioethanol von heimischen Äckern, der Rest größtenteils aus Ländern der EU. (2) Allerdings werden bereits jetzt 10 Prozent des Ethanols von Zuckerrohrplantagen importiert.

Die große Gefahr von E10 – indirekte Landnutzungseffekte

Und genau hierin sehen die Gegner eine große Gefahr für die Zukunft: Weder Deutschland noch die meisten anderen Industrieländer können ihren hohen Treibstoffbedarf über eigene Flächen stillen. Das heißt, dass bei wachsendem Bedarf immer mehr Biosprit importiert wird – und zwar vor allem aus den Entwicklungsländern. In der Folge fehlen den Menschen dort zunehmend Flächen für die Landwirtschaft. Was bleibt, ist das Ausweichen auf bisher unberührte Areale: Naturfläche geht durch die Ausdehnung der Anbauflächen verloren, Rückzugsorte für seltene Tier- und Pflanzenarten werden zerstört.

Auf ehemaligen landwirtschaftlichen Flächen werden Energiepflanzen, auf bisherigem Naturland Nahrungs- und Futtermittel angebaut. Diese sogenannten indirekten Landnutzungseffekte umgehen nicht nur die derzeitigen Nachhaltigkeitskriterien von Biosprit, sie verschlechtern auch seine Ökobilanz – denn werden Grünland, Wälder und Torfflächen in Ackerland umgewandelt, gehen CO2-Speicher verloren und jede Menge gespeichertes CO2 wird freigesetzt. Einer aktuellen Studie des Instituts für Europäische Umweltpolitik (IEEP) nach werden Agro-Treibstoffe unter Berücksichtigung der Landnutzungsänderungen im Jahr 2020 um 81 bis 167 Prozent klimaschädlicher sein als fossile Treibstoffe. (3)

Eine Frage der Moral – Sprit aus Lebensmitteln?

Hinzu kommt ein moralisches Problem: Deutsches Ethanol wird größtenteils aus Zuckerrüben und Getreide hergestellt. Fährt man angesichts des wachsenden Welthungers wirklich gut mit Nahrungsmitteln? Fest steht – Energiepflanzen treten immer stärker in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion, gefährden somit die Ernährungssicherheit und werden die Weltmarktpreise von Nahrungsmitteln zu Lasten der Ärmsten zunehmend in die Höhe treiben.

Eine Alternative – the next generation

Eine vielversprechende Alternative liegt in den sogenannten Biokraftstoffen der zweiten Generation: Diese verwenden die ganze Pflanze und erzielen so eine höhere Ausbeute an Kraftstoffen – bei gleicher CO2-Freisetzung durch Maschinen und Düngemittel im Anbau. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) setzt hingegen ganz und gar auf die Nutzung von Abfällen aus der Land- und Forstwirtschaft: Ihr zufolge könnte die Produktion von Biotreibstoffen mit nur 10 Prozent dieser Pflanzenreste bis 2030 verdoppelt werden. (4)

Allerdings sind diese Biokraftstoffe der zweiten Generation noch nicht ausgereift. Und Pflanzenabfall – gibt es so etwas überhaupt noch in Zeiten von Biogas- und Hackschnitzelanlagen? Und wie sehr ist die Oberfläche unsers Planeten angesichts einer wachsenden Land- und Viehwirtschaft noch belastbar?

Thomas Sedlmeyr

Mai 2011

Bildnachweis: © Gerd Altmann/pixelio.de

(1) E10 - Mehr Bio im Benzin; Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit; (Stand: 30.05.2011).

(2) Marcus Efler, Michael von Klodt: E10, Der unheimliche Biosprit; focus.de, 14.03.2011.

(3) Greenpeace et al. (Hg.): Mit Vollgas zur Zerstörung: Europas Biokraftstoffpläne und deren   Auswirkungen auf Klima und Natur, 2010.

(4) Abholzung, Biosprit-Boom gefährdet riesige Regenwaldgebiete, spiegel.de, 09.02.2010.


(5) E10 und Biodiesel sofort stoppen!, regenwald.org, (Stand: 30.05.2011).




 

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Saro 1

This is a cool understand .. I problemed it

Saro 2

This is another problem I just understoond.

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